Inkspiration
Die Hüterin der Farben 0001
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Die Hüterin der Farben
Kurzgeschichte: Die Hüterin der Farben
Als die ersten Sonnenstrahlen den Rand des alten Gartens berührten, erwachte Liora. Sie war keine gewöhnliche Gestalt, sondern die Hüterin der Farben – ein Wesen, das nur erschien, wenn die Welt drohte, ihre Leichtigkeit zu verlieren.
Vor ihr stand ein Strauss Tulpen, zart wie ein Flüstern und doch voller Kraft. Jede Blüte trug eine Erinnerung, jede Farbe einen Gedanken, der irgendwo auf der Welt verloren gegangen war. Liora strich mit den Fingerspitzen über die Blätter, und die Luft begann zu schimmern. Lichtbahnen tanzten um sie herum, als wollten sie ihr erzählen, wohin die Farben zurückkehren wollten.
„Ihr habt lange gewartet“, murmelte sie, und die Tulpen öffneten sich ein Stück weiter, als könnten sie sie verstehen.
Mit einer fliessenden Bewegung zog Liora eine Linie in die Luft – eine einzige, rote Spur, die sich wie ein Herzschlag durch den Raum zog. Sie verband die Erinnerungen, die Wünsche, die unausgesprochenen Hoffnungen der Menschen, die ihre Farben verloren hatten.
Plötzlich begann der Garten zu pulsieren. Die Farben lösten sich aus den Blüten, schwebten empor und folgten der roten Linie, bis sie sich in einem warmen, leuchtenden Wirbel vereinten. Liora lächelte. Die Welt würde heute ein wenig heller sein.
Als der letzte Lichtfaden verschwunden war, blieb nur der Strauß zurück – still, friedlich, aber erfüllt von einer neuen, sanften Kraft. Liora trat einen Schritt zurück und verschwand so lautlos, wie sie gekommen war.
Doch wer genau hinsah, konnte schwören, dass die Tulpen noch immer leuchteten. Als würden sie die Farben der Welt für einen Moment festhalten, bevor sie sie wieder freigaben.